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BERUFSSTART in Thüringen - Ziele, Konzeption und bisherige Ergebnisse
Beiträge der Partner
Dr. Norbert Kehr, Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Arbeit
Dr. Mark Sebastian Pütz, Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk e. V.
Katrin Labude, Bundesagentur für Arbeit
Wolfgang Dietz, Schulamtsleiter Schmalkalden
Peter Munk, Bundesministerium für Bildung und Forschung
![]() von links nach rechts: Peter Munk, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Dr. Norbert Kehr, Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Arbeit, Dr. Mark Sebastian Pütz, Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk e.V.; Prof. Dr. Manfred Eckert, Universität Erfurt; Wolfgang Dietz, Schulamtsleiter Schmalkalden, Katrin Labude, Bundesagentur für Arbeit, Christoph Eckhardt, qualiNETZ Beratung und Forschung GmbH
Die Wirtschaft braucht gut qualifizierten Nachwuchs
Dr. Norbert Kehr, Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Arbeit
Eines der grundlegenden Probleme im Übergang Schule Beruf ist die Bereitstellung einer ausreichenden Zahl von Ausbildungsplätzen. Dieses Jahr haben wir erstmals wieder einen deutlichen Anstieg an betrieblichen Ausbildungsplätzen auf über 600.000 Ausbildungsverträge. Dies ist erfreulich. Wir hatten 25.000 unvermittelte Bewerberinnen und Bewerber und etwa 15.000 freie betriebliche Ausbildungsplätze. Ein beachtlicher Teil der Ausbildungsverträge werden durch die Bundesagentur für Arbeit, durch das Bund – Länder – Sonderprogramm und natürlich im Rahmen der Benachteiligtenförderung finanziert. Diese stehen insbesondere benachteiligten Jugendlichen zur Verfügung, für die wir auch zukünftig verstärkte Anstrengungen brauchen.
Ob es gelingt, mehr betriebliche Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen, hängt aber im Wesentlichen auch von der Entwicklung der Konjunktur ab. Unternehmer tun sich schwer, für die nächsten drei Jahre jemanden einzustellen, wenn sie nicht genau wissen, wie sich die wirtschaftliche Zukunft für den Betrieb entwickelt. Trotzdem ist Ausbildung für die Gewinnung des betrieblichen Fachkräftenachwuchses wichtig.
Die Schule muss durch Maßnahmen, wie sie bei BERUFSSTART und andere Projekte ergriffen werden, dafür sorgen, dass die Ausbildungsreife gegeben ist. Wir können es uns nicht leisten, dass ein großer Teil der Jugendlichen erst durch Zusatzmaßnahmen ein Niveau erreicht, dass ein Ausbildungsunternehmen sie einstellt.
Anforderungen der Wirtschaft an die Schule
Dr. Mark Sebastian Pütz, Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk e. V.
Bei der ZWH leite ich derzeitig das Jobstarter-Regionalbüro West. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert mit dem Programm "JOBSTARTER - Für die Zukunft ausbilden" bundesweit Innovationen und Strukturentwicklung in der beruflichen Bildung. Es zielt auf eine bessere regionale Versorgung Jugendlicher mit betrieblichen Ausbildungsplätzen durch die Gewinnung von Betrieben bzw. Unternehmen für Ausbildung. Als Regionalbüro West sind wir für die Betreuung der JOBSTARTER-Projekte in den Ländern Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland zuständig.
Als das Programm startete, waren wir uns darüber bewusst, dass eine große Herausforderung darin bestehen würde, die Betriebe zu motivieren, zusätzliche Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile hat sich allerdings herausgestellt, dass es eine weitere große Herausforderung gibt und das ist die Besetzung der akquirierten Ausbildungsplätze.
Viele Projektverantwortliche berichten, dass es teilweise sehr lange dauert, bis sich Betriebe dafür entscheiden, erstmalig auszubilden oder einen weiteren Ausbildungsplatz zur Verfügung stellen. Hier heißt es: Am Ball bleiben! Doch auch der nächste Schritt ist manchmal eine Geduldsprobe: der Ausbildungsplatz muss mit einem geeigneten Jugendlichen besetzt werden. In vielen Fällen ist das schwieriger als zunächst gedacht. Die Gefahr ist dabei die Frustration der Betriebe.
Häufig überlegen es sich die Betriebe – insbesondere die kleinen Betriebe – reiflich, ob sie sich auf das Abenteuer "Ausbildung" einlassen wollen, denn das bedeutet für sie zusätzliche finanzielle und zeitliche Investitionen. Wenn es dann nicht klappt, weil kein geeigneter Jugendlicher gefunden werden kann, der zum Unternehmen passt, ist die Frage berechtigt, wieso manchen Jugendlichen die erforderlichen Voraussetzungen für eine Ausbildung fehlen. An dieser Stelle ist auch die Schule in die Verantwortung zu nehmen.
Schaut man einmal genauer hin, kann die Schule jedoch nicht allein für diese Problematik verantwortlich gemacht werden. Das wird deutlich, wenn man verschiedene Studien zum Thema "Ausbildungsreife" betrachtet. Hier heißt es, dass "Ausbildungsreife" nicht nur an Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen festgemacht werden kann, sondern insbesondere auch an sozialen Kompetenzen. Von Betrieben wird beispielsweise häufig das Fehlen von Schlüsselqualifikationen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Einsatzbereitschaft bei den Jugendlichen bemängelt. Diese Eigenschaften sind entscheidend, um eine Ausbildung erfolgreich zu absolvieren. Wenn dies mit "Ausbildungsreife" gleich gesetzt wird, kann Schule zwar zum Erwerb solcher Eigenschaften beitragen, aber mindestens genauso wichtig ist der Einfluss des Elternhauses, der Freunde, der Sportvereine sowie des gesamten Umfeldes der Jugendlichen. Insofern bedarf es eines ganzheitlichen Ansatzes, um Jugendliche gut auf eine Ausbildung vorzubereiten. Das Projekt BERUFSSTART ist ein Beispiel dafür, wie das funktionieren kann.
Die Bundesagentur braucht starke Partner bei der Berufsorientierung an den Schulen
Katrin Labude, Bundesagentur für Arbeit
Im letzten Jahr sind 63 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber in Ausbildung eingemündet, darunter 43 Prozent in betriebliche Ausbildung. Das sind natürlich nicht alle. Es gibt natürlich Jugendliche, bei denen sich die Vermittlung in Ausbildung schwieriger gestaltet.
Bei der erfolgreichen Vermittlung von Jugendlichen in Ausbildungsbetriebe sind nicht nur die Noten wichtig. Das Selbstbild und die Persönlichkeit des Jugendlichen runden das Bewerbungsprofil dann noch ab. Wichtig sind soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Disziplin und Pünktlichkeit sowie eine realistische Vorstellung von der Arbeitswelt.
Die Bundesagentur für Arbeit kann das Problem des Übergangs von der Schule in Ausbildung auch nicht grundsätzlich lösen. Wir können aber Beiträge leisten und beispielsweise über ausbildungsbegleitende Hilfen und weitere Maßnahmen an gewissen Qualifikationen noch mal nachbessern.
Die Aufgaben und Dienstleistungen der Bundesagentur sind gesetzlich niedergelegt. Im Berufsorientierungsprozess sind uns von daher Grenzen gesetzt. Wir brauchen Partner, der Wirtschaft, die den Jugendlichen die Konfrontation mit betrieblicher Realität ermöglichen. BERUFSSTART bietet in dieser Hinsicht vielfältige Möglichkeiten, die wir in der weiteren Phase auch nutzen werden.
Schule verändert sich
Wolfgang Dietz, Schulamtsleiter Schmalkalden
Schule kann nur so gut sein, wie Eltern dies aktiv begleiten. Es gibt immer eine bestimmte Schülerzahl, die aus bildungsfernen Familien kommt. Das ist genau die Schülerklientel, die eine besondere Unterstützung beim Übergang benötigt. Schule nur negativ zu sehen, ist oberflächlich, denn es gibt eine hohe Zahl erfolgreicher Absolventen. Wo hätten denn solche Auszubildenden die Grundlagen erworben, die z. Bsp. Sieger in Leistungsvergleichen von Auszubildenden werden (bis hin zu Bundessiegern). Es ist aber unbestritten notwendig, dass wir uns verstärkt um diejenigen mit Kompetenzdefiziten kümmern müssen.
Schule macht sich auf den Weg. Wir sind dabei ein Schulsystem zu etablieren, welches Konzepte einführt, weiterentwickelt und umsetzt, die in den Pisa-führenden Ländern als erfolgreich etabliert sind. Wir arbeiten verstärkt mit heterogenen Lerngruppen. In den Schulen hat eine Kultur Einzug gehalten, die nicht mehr nur vom Frontalunterricht geprägt ist. Dies ist zwar für die Lehrkräfte viel aufwändiger in der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung. Wenn Schülerinnen und Schüler in Gruppen von und miteinander lernen hat dies aber erhebliche Vorteile. Der schlechtere Schüler, der bei diesen Unterrichtseinheiten auch einmal in die Lehrerrolle schlüpfen darf, bereitet sich ganz anders auf den Unterricht vor. Er will sich ja nicht blamieren, er will ja gut sein. Somit ist er stärker leistungsmotiviert. Schule wird sich noch stärker in der Umsetzung solcher erfolgreicher Lern- und Lehrmethoden engagieren. Dann hat sie auch gute Chancen soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, etc. mit bleibendem Effekt für die Schüler zu vermitteln.
Wirtschaft und Schule sollten bei diesen Anstrengungen als Partner arbeiten. Keiner sollte sich den Anforderungen des jeweils anderen komplett unterordnen. Deshalb ist BERUFSSTART und die Partnerschaft zwischen Schule, Betrieb und Wirtschaft - und ich beziehe ausdrücklich die Bildungszentren mit ein - so wichtig. Je früher Schülerinnen und Schüler mit Hilfe berufsorientierender Maßnahmen erkennen können, wo ihre Stärken liegen, welches ihre Interessen sind, einschätzen können, wo es für sie beruflich hingehen soll, aber auch erkennen, was sie nicht wollen bzw. noch nicht gut genug können, desto größer ist auch deren Lernmotivation in der Schule.
Ich wünsche mir, dass dieses Projekt sich weiter entwickelt, dass die Berufsorientierung auf diesem Niveau weitergeführt und noch gesteigert wird und ich wünsche mir, dass dieses Projekt langfristig gesichert ist. Ich wünsche mir eine Schule, die Schülerinnen und Schüler hervorbringt, die wissen, wo sie im Leben hinwollen und nach der Schulzeit auch eine entsprechende Chance bekommen.
Übergangsmanagement als Herausforderung für die Zukunft
Peter Munk, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert schon seit vielen Jahren die Weiterentwicklung der Benachteiligtenförderung. Bereits 1988 haben wir dafür gesorgt, dass die Benachteiligtenförderung aus einem Modellprogramm in den Regelbetrieb des damaligen AFBG integriert wird.
Auf Bundesebene sind wir derzeit dabei, die Instrumente des SGB III zu verbessern und auf die neue Situation anzupassen. Die jüngste Novellierung des SGB III im Oktober 2008 wird auch zur effektiveren Gestaltung von abH führen.
Verstärkt werden müssen die Möglichkeiten der Bundesagentur und der Agenturen vor Ort im Feld der Berufsorientierung. Prävention muss eine stärkere Rolle spielen als die nachträgliche Reparatur. Deshalb setzt das Projekt BERUFSSTART an genau der richtigen Stelle an. Wenn sich wie bei BERUFSSTART viele Player vor Ort an einen Tisch setzen und sich gemeinsam um die Jugendlichen kümmern, entwickeln sich dadurch bemerkenswerte Synergieeffekte. Dennoch lassen sich dadurch nicht alle Probleme lösen.
Ich glaube, dass Übergangsmanagement unter Beteiligung aller Verantwortlichen vor Ort noch systematischer stattfinden muss. Wir als Bundesregierung können die Probleme vor Ort nicht lösen. Wir können die Rahmenbedingungen schaffen und Förderinstrumentarien zur Verfügung stellen.
Wir fördern Innovationen und sind immer bestrebt, solche Vorhaben zu fördern, die nicht nur Augenblicksergebnisse liefern. Wenn ich hier die positive Nachricht höre, dass wir dieses Jahr eine gute Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt haben, dann muss man mit bedenken, dass es auch wieder konjunkturell andere Zeiten geben wird. Deshalb müssen wir schon jetzt strukturell wirken. Wir müssen das Übergangsmanagement auch in Zeiten sichern, in denen das Ausbildungsplatzangebot wieder schwächer wird.
Wir vom BMBF werden in den nächsten Jahren unser Investitionspotenzial auf die Verstetigung dieser kleinen Pflänzchen eines Übergangsmanagements auf regionaler Ebene konzentrieren. Auch Schule muss sich auf diese Aufgabe strukturell einstellen und sich gegenüber der Region, gegenüber dem Arbeitsmarkt aber auch gegenüber den Anforderungen, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen, öffnen.
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